Forschungsprozesse der Studie "Familien Stärken" Studie (2010-2013)

Neben den Einflüssen Gleichaltriger sind Risiko- und Schutzfaktoren des familiären Kontexts für die Entstehung von Suchtstörungen im Jugendalter von großer Bedeutung und geben Anlass zu familienbezogenen Präventionsmaßnahmen.

Alkoholkonsum ohne elterliche Erlaubnis

Zielsetzung der ersten Studie zu „Familien stärken“

Das Ziel der ersten Studie zu „Familien stärken“ war es, zu untersuchen, ob das aus Amerika „importierte“ Programm hier in Deutschland umgesetzt werden kann, ob es gut von den teilnehmenden Familien angenommen wird, und ob es – im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, die lediglich an einem Elternabend teilnahm – besonders für Familien in schwierigen sozialen Situationen auch tatsächlich hilfreich ist. Anschließend startete dann die Evaluationsstudie, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wurde und von März 2010 bis Februar 2013 vom Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) durchgeführt wurde.

Grundsätzlich gilt, dass sich die Effekte von Maßnahmen der Prävention und Entwicklungsförderung steigern lassen, wenn die Familie als wichtige Ressource miteinbezogen wird. Systematische Übersichtsarbeiten (vgl. Arnaud, Sack & Thomasius, 2019) kommen insgesamt zu dem Schluss, dass insbesondere solche Programme effektiv sind, die sich auf den Aufbau und die Förderung entwicklungspsychosozialer Inhalte (z.B. die Entwicklung sozialer Fertigkeiten, Förderung des persönlichen Verantwortungsgefühls und der Selbstregulation) fokussieren, Eltern und Familien aktiv einbeziehen und am Übergang vom Kindes- in das Jugendalter ansetzen.

Solche Programme zeigen konsistente, mittel- bis langfristig anhaltend günstige Effekte auf den Substanzkonsum, andere Risikoverhaltensweisen und Verhaltensauffälligkeiten (z.B. Aggression, sozialer Rückzug) und sind für einen Zeitraum von bis zu acht Jahren belegt.

 

Wirksamkeit des „Familien stärken“ Programms

Randomisiert-kontrollierten Studien zur Überprüfung der Wirksamkeit des „Familien-stärken“-Programms (SFP 10-14) in den USA zeigten mehrfach, dass Kinder und Jugendliche, die mit ihren Familien an dem Programm teilnahmen, besser in der Schule zurechtkommen, weniger psychische und Verhaltensprobleme entwickeln und bis zu sechs Jahre nach Programmteilnahme seltener und in der Menge weniger Tabak, Alkohol oder illegale Drogen wie Cannabis konsumieren. Die teilnehmenden Eltern berichteten über verbesserte Erziehungskompetenzen und ein verbessertes Klima in der Familie.

In einem Report von 2009 „Preventing Mental, Emotional and Behavioral Disorders“ ziehen O´Connel, Boat und Warner (2009) zusammenfassend aus mehreren Untersuchungen die Schlussfolgerung, dass das SFP 10-14…

  • aggressives, delinquentes und antisoziales Verhalten verringert,
  • die Interaktion zwischen Eltern und Kind verbessert,
  • den Missbrauch von Substanzen reduziert und
  • die Schulleistungen der Kinder verbessert.

Weitere Studien (z.B. Spoth, Redmont & Shin, 2001), die die Wirksamkeit des Programms bei Eltern und deren Kindern in den USA untersuchten, zeigen ebenfalls wünschenswerte Effekte. Bestimmte Verhaltensweisen von Kindern und Jugendlichen (z.B. Alkohol- und Drogenmissbrauch, aggressive Verhaltensauffälligkeiten, Schulprobleme, Probleme mit der Polizei) konnten durch das Programm deutlich verringert werden.

Zur Veranschaulichung zeigt die folgende Grafik, dass Jugendliche aus den USA, die am Programm teilnahmen auch vier Jahre danach noch weniger bzw. verantwortungsbewusster Alkohol konsumierten als andere Jugendliche, die nicht an dem Programm teilgenommen haben.

„Familien stärken“ am DZSKJ in Hamburg

Das Deutsche Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) in Hamburg entwickelt und testet Suchtpräventions- und Behandlungsprogramme für Kinder und Jugendliche. Durch umfassende Forschungsvorhaben und Qualitätssicherungen leistet das DZSKJ somit einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Qualität der Suchtprävention im Kindes- und Jugendalter. Das „Familien stärken“-Programm ist die offizielle, vom DZSKJ soziokulturell adaptierte Fassung des US-amerikanischen Familienpräventionsprogramms „Strengthening Families Program 10-14“. Das Programm wird seit über 20 Jahren international eingesetzt und gilt als das weltweit am besten evaluierte Multi-Familien-Präventionsprogramm.

Die Ergebnisse der Hamburger Multicenter Studie

In einer multizentrischen randomisiert-kontrollierten Evaluationsstudie (ausführlich bei Baldus et al., 2016; Bröning et al., 2017, 2014; Stolle et al., 2011, 2010) wurde die Effektivität des „Familien stärken“-Programms in Deutschland untersucht. Hierfür wurde das Programm in sozial-benachteiligten Bezirken in den vier Ballungsräumen Hamburg, München, Hannover und Schwerin durchgeführt und mit der Wirksamkeit eines alternativen Eltern-Kurzprogramms verglichen. Die teilnehmenden Familien wurden über Schulen rekrutiert und mittels eines Losverfahrens dem „Familien stärken“-Programm oder der Kurzversion zugeteilt.

Beide Gruppen wurden jeweils vor und direkt nach dem Programm sowie 6 und 18 Monate nach Programmende von Wissenschaftlern zu verschiedenen Themen interviewt. In diesem Rahmen wurden Informationen über das Verhalten der Kinder und Jugendlichen in der Schule, das allgemeine Wohlbefinden, das Zusammenleben in der Familie und den Beziehungen der Familienmitglieder untereinander erfasst. Die Kinder wurden außerdem zu ihrem Tabak-, Alkohol- oder Cannabiskonsum befragt. Konkret wurde das Einstiegsalter für Alkohol- und Drogenkonsum, die Menge des Alkohol- und Drogenkonsums in den letzten 30 Tagen sowie die psychische Gesundheit und Selbstwirksamkeitserwartungen der Kinder und Jugendlichen gemessen.


Zusammenfassend zeigen die Studienergebnisse, dass ...

  • die Programmteilnahme signifikant den Einstieg in den Tabakkonsum verzögert,
  • Familien, deren Kinder bereits Verhaltensauffälligkeiten zeigen, besonders von der Programmteilnahme profitieren,
  • das Programm von den teilnehmenden Familien und den durchführenden Fachkräften in Deutschland akzeptiert und innerhalb der Strukturen des psychosozialen Hilfesystems (v.a. der Jugendhilfe-Settings) als gut durchführbar eingeschätzt wird, die berichteten Effekte jedoch geringer ausfielen als in den U.S.-amerikanischen Vorläuferstudien.

Daher haben wir das „Familien stärken“-Programm inhaltlich weiterentwickelt und eine neue, um achtsamkeitsbasierte Elemente erweiterte Version entwickelt. Achtsamkeit hat sich in der Prävention und Intervention von Suchterkrankungen sowie insgesamt im Hinblick auf die psychische Gesundheit als vielversprechender Ansatz erwiesen. Beide Programme starteten im Winter 2019/20 in Hamburg.